Im Zusammenhang mit der Diskussion über Bildungsreformen machte sich eine Arbeitsgruppe des PLV-Vorstandes Gedanken über die zukünftige Ausgestaltung der Primarstufe. Als Grundlagen dienten Dokumentationen im Zusammenhang mit der Schulreform im Aargau sowie Unterlagen aus Tagungen des PLV.
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Bildungsrahmenartikel und HarmoS geben den Schulen die äussere Struktur vor:
- Der Kindergarten wird obligatorisch. Er kann mit den ersten beiden Primarschuljahren zu einer Eingangsstufe verschmolzen werden.
Die Kinder werden in eine grössere Gemeinschaft eingeführt. Sie erwerben soziale Kompetenzen, stärken ihre Selbstkompetenz und bauen mit den Grundtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen erste schulische Schlüsselkompetenzen auf.
- Die Primarstufe umfasst das 3.-8. Schuljahr (resp. bei einer Eingangsstufe das 5.-8. Schuljahr).
Die Kinder verstärken ihre Sozial- und Selbstkompetenzen in Richtung zu selbständigem, selbstverantwortlichem, gemeinschaftlichem Lernen. Die Sachkompetenzen werden weiter aufgebaut mit dem Ziel einer breiten, gesicherten Ausbildung des Grundwissens und –könnens.
- Die Sekundarstufe I umfasst die Schuljahre 9-11.
Mit dem Übertritt in die Oberstufe endet die ungeteilte, gemeinsame Ausbildung. Die Jugendlichen werden gemäss ihrer Leistungsfähigkeit in verschiedenen parallel laufenden Schultypen weiter ausgebildet.
Die Arbeitsgruppe beschäftigte sich in einer ersten Phase damit, Themenfelder zu bestimmen und den Ist-Zustand sowie die angedachten Entwicklungen zu beschreiben.
Berufsauftrag
Er umfasst in erster Linie alle Tätigkeiten, welche sich direkt auf das Kerngeschäft Unterricht beziehen: Unterricht, Förderung, Erstellen von Lehr- und Lernarrangements. Hier gehört auch die Selektion dazu (Zeugnisse, Übertritte). Als Klassenlehrperson kommen Aufgaben der Klassenführung und der Elternarbeit dazu.
Zukünftig ist zu erwarten, dass die Arbeit mit der Klasse von mehreren Lehrpersonen geleistet wird.
Neben dem Unterricht gehören auch Arbeiten für die ganze Schule zum Auftrag: Teilnahme an Konferenzen und gemeinsamen Weiterbildungen, Mitarbeit bei der Organisation, Gestaltung und Entwicklung der Schule. Auch die persönliche Weiterbildung gehört zu den Pflichten der Lehrpersonen.
Die Arbeitsgruppe stellt fest, dass die Aufgaben innerhalb des Berufsauftrages tendenziell anspruchsvoller werden. Der zeitliche Rahmen verändert sich jedoch nicht. Das führt zu Konflikten und zu Überbelastungen, wie die Studie des BKS aufzeigt.
Die Belastung im Lehrerberuf ist sehr hoch. Hohe Arbeitsleistungen werden jedoch vom Arbeitgeber nicht honoriert. Das wirkt sich negativ auf die Attraktivität des Berufes aus. Insbesondere suchen Männer tendenziell andere Herausforderungen (Karriere).
Unbefriedigend ist die grosse Zahl von Teilzeitpensen, gekoppelt mit unsicheren Anstellungsbedingungen (wechselnde Dotation). Die Arbeitszeit- und Belastungsstudie des BKS (Oktober 08) belegt dies eindrücklich.
Integration
Es ist unbestritten, dass die Klassen heterogener geworden sind. Die Gesellschaft verlangt nach individueller und differenzierter Begleitung der Schülerinnen und Schüler. Dieser Trend wird sich verstärken. Aus der Erkenntnis heraus, dass die bisherige Separierung von Kindern mit Lernschwierigkeiten ihre Ziele nicht erreicht, wird konsequenterweise die Integration angestrebt. Das führt dazu, dass vermehrt mit individuellen Lernzielen gearbeitet werden muss.
Die Pädagogik der Vielfalt bildet zukünftig die Grundlage der Unterrichtsgestaltung (Lernen als aktiver, selbst gesteuerter, situativer und sozialer Prozess). Das Vermitteln von Arbeitstechniken wird zunehmend wichtiger. Daneben wird die Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen einer Klasse und damit die Teamfähigkeit ein entscheidender Erfolgsfaktor werden. Unter diesem Aspekt muss die Frage der gemeinsamen Arbeitszeit neu betrachtet werden.
Begabtenförderung
Zur Integration gehört auch die Förderung besonders begabter Kinder. Zu den oben erwähnten Grundsätzen kommen klassen- und schulübergreifende Aufgaben dazu. Es braucht ein gutes Angebot an Lernmöglichkeiten für Begabte. Dieses soll der Kanton zur Verfügung stellen. Die Aufgabe der Lehrperson wird vorwiegend im Bereich des Lerncoachings liegen. Zudem braucht es Ressourcen für die Förderangebote.
Das Profil einer Klasse
In einer Klasse sitzen zukünftig 18-22 Kinder mit unterschiedlichem Alter, unterschiedlicher Begabung und Leistungsfähigkeit, mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen.
Schon heute werden die Klassen der Primarstufe von mehreren Lehrpersonen unterrichtet. Das wird sich in Zukunft eher verstärken. Damit der Unterricht erfolgreich sein kann, braucht es eine verstärkte Zusammenarbeit innerhalb des Teams:
Die Klasse wird betreut von einer Klassenlehrperson: Sie unterrichtet die Klasse zu mindestens 50%. Eine weitere Lehrperson ergänzt das Pensum. Fachlehrpersonen betreuen spezielle Unterrichtselemente (Fremdsprachen, Logopädie, Werken). Das Team wird ergänzt durch eine schulische Heilpädagogin oder einen schulischen Heilpädagogen.
Die Kinder sind zu festen Zeiten gemeinsam in der Klasse. Der Halbklassen-Unterricht kann als Teamteaching innerhalb der Blöcke organisiert werden.
Der Unterricht wird zukünftig in Blöcken zu zwei Lektionen erteilt. In einem Block findet geführter Unterricht statt: Einführungen in ein Thema, gemeinsame Aktivitäten (Sport, Klassenrat, Musikunterricht). Der zweite Block ist schülerzentriert organisiert (Projekte, Wochenplan, Werkstatt, individuelle Arbeiten).
Die Nachmittage können teilweise speziell organisiert sein. Hier sind Schulprojekte, Atelier-Unterricht, klassenübergreifende Projekte oder themenzentrierter fachübergreifender Unterricht denkbar
Die Einrichtung der Schulzimmer ermöglicht einen individuellen, differenzierenden Unterricht.
Der Raum wird durch bewegliche Gestelle unterteilt. Es gibt Orte für Stillarbeit und Orte für gemeinsame Aktivitäten. Die Kinder versorgen ihre Materialen in Ablagen. Sie haben keinen fest zugewiesenen Sitzplatz.
Altersgemischtes Lernen
Die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler führt zur Frage, ob die Bildung von Jahrgangsklassen noch sinnvoll ist. Wenn die Kinder schon unterschiedliche Lernvoraussetzungen mitbringen, dann könnten sie auch in altersgemischten Lerngruppen unterrichtet werden. Das führt die Lehrpersonen hin zur Didaktik des altersgemischten Lernens. Die Kinder einer Klasse arbeiten alle am gleichen Thema, jedoch auf unterschiedlichen Niveaus. Die Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien müssen dem altersgemischten Lernen entsprechen.
Für die Umsetzung von altersgemischtem Lernen braucht es Aus- und Weiterbildung. Der professionelle Umgang mit Leistung innerhalb einer heterogenen Gruppe muss sorgfältig aufgebaut werden.
Lernzyklen
Anstelle von Lehrplan-Jahreszielen treten Standards. Damit wird die Verbindung von Lernziel und Lernzeit aufgehoben resp. relativiert. Ein Lernziel muss am Ende eines Lernzyklus erreicht werden. Im Kindergarten gilt schon heute ein zweijähriger Lernzyklus, an dessen Ende der Schuleintritt steht. In einer Eingangsstufe kann ein vierjähriger Zyklus verwendet werden. Das gibt den Kindern Zeit für ihre individuelle Entwicklung.
In der Mittelstufe sind ebenfalls 2- oder 4jährige Zyklen denkbar. Am Ende eines solchen Blockes werden die Lernziele mit Standards überprüft.
Auf der Basis des aktuell gültigen Lehrplans können beide Modelle umgesetzt werden. Heute schon sind verschiedene Lernziele auf zwei Unterrichtsjahre ausgelegt.
Die Führung einer Klasse im 4-Jahres-Zyklus wird vermutlich schwieriger sein und zwingt zum altersgemischten Lernen.
Ein- oder mehrklassige Abteilungen?
Einklassige Abteilungen werden in der Regel von einer Lehrperson unterrichtet. Die Klasse bleibt die ganze Zeit zusammen. Manchmal kommt es in der Mitte der Primarschulzeit zu einem Wechsel der Lehrperson.
Um der Heterogenität gerecht zu werden, muss die Lehrperson ein grosses Angebotsspektrum bereitstellen. So kann sie den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten seiner Klasse gerecht werden. Das kann funktionieren, wenn die Lehrpersonen der ganzen Mittelstufe eng zusammenarbeiten. Es besteht jedoch die Gefahr des Trends zur Mitte: Ein (fiktiver) durchschnittlicher Leistungsstand wird zum Massstab des Lernfortschritts. Es kommt zu auffälligen Leistungsunterschieden.
In mehrklassigen Abteilungen unterrichtet eine Lehrperson eine Klasse innerhalb des ganzen Lernzyklus (2 oder 4 Jahre). Die Kinder sind unterschiedlich alt. Jedes Jahr verlässt eine Gruppe die Klassengemeinschaft, eine neue stösst dazu.
Die Kinder lernen auf unterschiedlichen Niveaus. Die Lehrperson muss unterschiedliche Lernangebote bereitstellen, um den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten gerecht werden. Das kann funktionieren, da in der Regel mehrere Parallelklassen vorhanden sind. Die Lehrpersonen arbeiten eng zusammen.
Durch die ganz unterschiedlichen Lernstände der Kinder wird die Gefahr des Trends zur Mitte gebannt. Es gibt Lerngruppen mit unterschiedlichem Lernstand. Ein Wechsel innerhalb der Klasse in eine andere Lerngruppe ist möglich. Die Leistungsunterschiede sind durch die unterschiedlichen Lernstände erklärbar und verständlich.
Teamarbeit
Zur gemeinsamen Arbeitszeit gibt das Gesetz folgende Richtlinien vor:
Die gemeinsame Arbeitszeit beträgt im Maximum: 10% der Jahresarbeitszeit.
Die Arbeiten umfassen:
- Teilnahme an Sitzungen und Konferenzen
- Mitwirkung in Qualitätsgruppen, Schulentwicklungsprojekten, Planungssitzungen.
- Organisation von und Teilnahme an Anlässen und Veranstaltungen der Schule.
- Weiterbildung im Kollegium
- Arbeitsplanung im Kollegium
- Mitarbeit bei der Evaluation und Reflexion der Arbeit
- Öffentlichkeitsarbeit für die Schule sowie Teilnahme an Veranstaltungen für Eltern im Interesse der ganzen Schule.
Die Liste ist nicht abschliessend. Es ist wichtig, diese Formen und Gefässe für die gemeinsame Arbeitszeit schulintern auszuhandeln und verbindlich festzulegen. Die Schulleitung ist für die Steuerung, die Verbindlichkeit und die Umsetzung verantwortlich. Die gemeinsame Arbeitszeit soll der Qualität der gesamten Schule dienen. Jede Lehrperson soll ihre Fähigkeiten und Kompetenzen einbringen können.
Für die Festlegung der Ressourcen braucht es eine Jahresplanung. Darin sind einerseits die verbindlichen Termine aufgeführt, andererseits die Arbeitsgruppen für Veranstaltungen und Anlässe, Qualitätsgruppen, Schulämter festgelegt. Sie erhalten zudem ein Zeitbudget für ihre Aufgabe. Die Verantwortung wird mit einem klaren Auftrag an die Gruppen übergeben. Weiter muss die Teilnahme an Sitzungen und schulinternen Weiterbildungen und Veranstaltungen geklärt sein, wobei das jeweilige Pensum der Lehrperson berücksichtigt wird. Für das Funktionieren einer Schule sind Absprachen wichtig. Aber nicht alle müssen an diesen Sitzungen teilnehmen. Ergebnisse aus Arbeitsgruppen können im Delegationsverfahren in diese Sitzungen einfliessen und ebenfalls zurück.
Unterrichtsteam
Für die pädagogische und organisatorische Aufgabe der Lehrpersonen sollen Unterrichtsteams gebildet werde. Sie erhalten genügend Ressourcen, um gemeinsam den Unterricht zu planen und zu organisieren. Es zeigt sich schon heute, dass die gemeinsame Arbeit und Reflexion innerhalb eines Unterrichtsteams für alle Beteiligten Vorteile bringt. Wir wünschen uns mehr Gespräche über die Ziele der Arbeit und das zur Verfügung stehende Zeitbudget.
Für obligatorische Anlässe ist ein Stundenpool vorzusehen. Keine beliebige Verfügung über die Arbeitszeit der Lehrpersonen!
Leistungsprüfungen/ Standards
Der Aargau will längerfristig Leistungstests auf allen Stufen einführen und damit eine führende Position in der Schweizer Bildungslandschaft einnehmen. Auf der Primarstufe ist dies seit 2005 der freiwillige Leistungstest Check 5. Auf der Sekundarstufe I wird im Rahmen des Testlaufes Abschlusszertifikat Volksschule Kanton Aargau Stellwerk 8 für die Oberstufentypen Realschule, Sekundarschule und Bezirksschulen erprobt. Check 5 und Stellwerk 8 werden zu reinen Förderzwecken eingesetzt. Sie sind nicht selektionswirksam. Auf der Primarstufe bleibt der Check 5 erhalten, weitere Tests sind vorläufig nicht geplant.
Mit dem geplanten Lehrplan 21 werden nationale Bildungsstandards entwickelt in den Bereichen Schulsprachen, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften für das Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres nach neuer Zählweise. Der neue Lehrplan orientiert sich an Kompetenzen. Er beschreibt, was alle Schülerinnen und Schüler wissen müssen und zwar so konkret, dass sich das Erreichen dieser Ziele auch beurteilen lässt.
Übertritte
Die Übertritte in die Primar- und in die Oberstufe finden weiterhin durch Empfehlungsverfahren statt.
Überlegungen
- Gibt es Übertritte auch während des laufenden Schuljahres?
- Wäre es sinnvoll, ein minimales „Übergabeprotokoll“ zu erarbeiten (Kontakte zwischen Lehrpersonen zwecks Informationsfluss,…)?
Für die Arbeitsgruppe
Richard Wullschleger